Der «Tages-Anzeiger» macht eine inhumane Idee salonfähig: Die Kündigung der Flüchtlingskonvention.
Die «Tages-Anzeiger»-Redaktorin Alexandra Kedves verkauft ihren Interviewpartner, den Politökonomen Laurenz Guenther («Tages-Anzeiger» vom 17.11.2025) ganz gut: «Radikal», «renommiert», «ungemütlich» sind so interessegenerierende Adjektive, die sie verwendet. Und sie holt die Leute ab: «Viele fühlen sich von Parlament und Regierung nicht ernst genommen – besonders mit ihren Sorgen bezüglich Zuwanderung und Kriminalität.» Das nennt Herr Guenther «Repräsentationslücke». Er sagt: «(…) in der Tendenz sind die meisten Mainstream-Politiker kulturell zu weit links für ihre Wählerschaft – und wirtschaftlich zu weit rechts.»
Guenthers Medizin
Frage von Redaktorin Kedves: «Wie müssten die Politiker vorgehen, damit sich die Menschen besser repräsentiert fühlen?»
Antwort des Forschers Guenther: «In erster Linie müssten sie das Asylsystem stark abbauen, sprich: weniger Rechte und Leistungen für Asylsuchende, vielleicht das System komplett abschaffen, also aus der Genfer Flüchtlingskonvention austreten. Zudem die Entwicklungshilfe drastisch reduzieren, Diversitätsquoten bei den Jobs abschaffen und das Strafsystem deutlich stärker auf Abschreckung und härtere Bestrafung der Kriminellen ausrichten.»
«Zugegeben, sagt Guenther noch, das sind zum Teil Positionen, die Rechtspopulisten vertreten – aber ich denke, um die kommt man nicht herum, weil sie nun mal sehr populär sind.»
Scheinobjektivität
Irgendwie liess diese Meinung dann aber dem Leiter des Ressorts Analyse und Meinungen des «Tages-Anzeigers» doch keine Ruhe. Fabian Renz publizierte am nächsten Tag einen sehr guten Kommentar, in dem er anhand eines Vergleichs der USA mit der Schweiz zeigte, wie mehr Härte im Strafsystem zwar mehr Gefängnisinsassen, mehr Kosten und mehr Gewalt verursacht, aber weniger Sicherheit bringt.
Zur menschenverachtenden Idee, die Genfer Flüchtlingskonvention zu kündigen, findet der «Tages-Anzeiger» allerdings kein Wort, auch nicht in einem zweispaltigen, seitenhohen Artikel von Kedves. Guenther liefert das Musterbeispiel eines blinden, ideologischen Objektivismus. Die Zahlen, die er zusammenträgt, mögen stimmen, aber die Voraussetzungen und vor allem die rechtsnationalen Schlussfolgerungen sind Politik. Seine Studien zur «Repräsentationslücke» und zum «Kultur- und Wirtschafts-Gap» sind nachvollziehbar. Dass einer migrationsfreundlicheren Politik eine tendenziell fremdenfeindliche Gesellschaft gegenübersteht, trifft als Diagnose die aktuellen Entwicklungen durchaus. Aber wie ist es so weit gekommen?
Guenthers Voraussetzung heisst: Das Volk ist Gottes Stimme, vom Himmel gefallen, homogen, fertig. Wenn das Volk fremdenfeindlich, rassistisch und empathielos ist – und das Volk ist zu Zeiten eine Bestie! – dann muss die Politik umsetzen, was das Volk will. Das und nur das ist die Aufgabe der Politik.
Und was seine Schlussfolgerungen betrifft, so ist es eher so, dass ein Rechtsnationaler unter dem Etikettenschwindel der Forschung Politik betreibt. Die von Guenther vorgeschlagene «Therapie» ist kein Heilmittel, sondern ein Präparat aus dem Giftschrank der Rechtspopulisten
A propos Repräsentationslücken
Wir hätten da noch so einige andere Repräsentationslücken: Die Todesstrafe wurde in den meisten Ländern gegen die Mehrheit der Bevölkerung abgeschafft. Und es ist anzunehmen, dass weite Teile der Bevölkerungen Europas wesentlich antisemitischer eingestellt sind, als ihr Führungspersonal.
Die Aufkündigung der Genfer Flüchtlingskonvention wäre ein zivilisatorischer Bruch. Da diese eng mit der Europäischen Menschenrechtskonvention verknüpft ist, müsste letztlich beides preisgegeben werden. Damit ginge eine der grossen zivilisatorischen Errungenschaften und eine der letzten Konsequenzen aus Nationalsozialismus, Judenvernichtung und Zweitem Weltkrieg verloren: Menschen in Not Schutz zu gewähren. Ja, wir erinnern uns an die Konferenz von Evian, als die Vertreter der Länder Europas mit Ausnahme weniger, geringer Initiativen die Juden achselzuckend ihren Mördern überliessen.
Flüchtlinge als Sündenböcke
Wie viele Rechtspopulisten arbeitet auch Guenther mit der Gleichsetzung von Migration und Flüchtlingszuwanderung. Dieses Narrativ ist gerade mit Blick auf die Schweiz grundfalsch. Migration bedeutet hier in erster Linie Arbeitsmigration. Ohne sie käme das Land zum Stillstand: Spitäler, Gastronomiebetriebe und Universitäten müssten schliessen, und zentrale Infrastrukturen liessen sich nicht mehr aufrechterhalten.
Fast 90 Prozent der Nettozuwanderung der vergangenen zehn Jahre entfallen auf Arbeitsmigration: rund 70 Prozent stammen aus EU- und EFTA-Ländern, etwa 30 Prozent aus Drittstaaten, meist hochqualifizierte Fachkräfte, die gezielt rekrutiert wurden, um die Schweizer Wirtschaft funktionsfähig zu halten. Nur rund 10 Prozent der Nettozuwanderung entfielen auf Flüchtlinge: Menschen aus Kriegsgebieten oder aus Ländern mit diktatorischen Regimes. Diese Leute leisten heute in ihrer grossen Mehrheit wertvolle Arbeit. Aus Pflege, Gastronomie, Bau oder Gewerbe sind sie kaum mehr wegzudenken.
Eine gewisse «Repräsentationslücke» oder ein Kultur-Gap ist wohl unvermeidlich. Gerade deshalb braucht es eine Politik, die rechtspopulistische Forderungen – oft basierend auf Halbwahrheiten und Falschinformationen – offenlegt und entkräftet. Die Aufgabe menschlicher Politik und jeder Demokratie ist es, die Schwächsten einer Gesellschaft zu schützen. Dazu gehören auch Flüchtlinge. Die Idee einer Kündigung der Genfer Flüchtlingskonvention ins Spiel bringen zu lassen, ohne auf deren Bedeutung aufmerksam zu machen, kommt geistiger Brandstiftung gleich.
Die neue kontertext-Rubrik «Wort(e) des Tages» widmet sich der kritischen bis ironischen Durchleuchtung ausgewählter Begriffe.
Wie selbstverständlich dieses Gegensatzpaar über die Lippen geht: Worte wie Kiesel, abgeschliffen durch lange erprobten Gebrauch. Wenn man etwas mit ihnen herumspielt und sie zusammenstossen lässt, geben sie Unerwartetes frei.
Was tut eine Arbeitgeberin? Sie gründet ein Unternehmen, setzt Kapital ein, eigenes oder fremdes, und heuert Fachkräfte an. Sie gibt ihnen eine Beschäftigung und einen Lohn. Was bekommt sie dafür? Die Arbeit ihrer Mitarbeitenden. Diese sind es, die «Arbeit geben». Die Beschäftigten sind die Arbeit-Geber, während die Arbeitgeberin eigentlich Arbeit-Nehmerin ist: Sie nimmt die Arbeit ihrer Mitarbeitenden und schafft daraus Rendite, von der sie die Löhne bezahlt. Und einen netten Teil schöpft sie ab, für sich selbst und ihre Geldgeberinnen. Als Risikoprämie, so hört man sagen.
(Fast) Ein Wortspiel
Es ist also, anders, als die Redeweise es insinuiert, gerade umgekehrt: Die, die Arbeitnehmende genannt werden, sind die Arbeit-Gebenden; die Unternehmer aber nehmen Arbeit, die ihnen von ihren Mitarbeitenden gegeben wird. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr der Sprachgebrauch geprägt wird von Erwartungen an die Wirklichkeit, von Annahmen, Stereotypen und Sehgewohnheiten.
Ist es nicht eher so, dass der Bauarbeiter Arbeit gibt?
Arbeit geben, Arbeit nehmen: So schlicht, fast wie ein Wortspiel mutet das an. Dass der verdrehte Gebrauch sich eingeschliffen hat, lässt tief blicken. Nach neoliberaler Logik soll man im Patron partout den Gebenden sehen. Dabei ist er in der nehmenden Position, solange die Geschäfte laufen. Man mag sagen, er trage das «unternehmerische Risiko», von dem oft in verklärender Weise die Rede ist. Doch viele Firmenpleiten der jüngsten Zeit, Signa Holding zuvorderst, sprechen eine andere Sprache. Die intime Kenntnis des Geschäftsgangs erlaubt es gerade denen, die sich gern mit ihrem freien Unternehmertum brüsten, vorzusorgen für sich und ihresgleichen. Der Möglichkeiten sind viele, der Treuhandfirmen ebenso, nicht nur in Liechtenstein. Die aber, die ihre Arbeit gegeben haben, bleiben sich selbst oder dem Staat überlassen, wenn die Bilanz deponiert wird.
Die freie Wildbahn
An den Wasserlöchern der Serengeti ist immer viel Betrieb. Aber ein jedes Wesen trinkt nur für sich – es sei denn, es habe Gefässe erschaffen, so wie der Mensch. Benkos Konkurs hat viele Arbeit-Gebende hart getroffen. Sie sind auf ihren Rechnungen sitzengeblieben. Der grosse Arbeit-Nehmer aus Innsbruck aber hat für sich und die seinen besser gesorgt als für seine Angestellten. Wie andere Delinquenten wartet er jetzt in U-Haft auf seine Strafe – anders als Jan Marsalek, der COO von Wirecard, hat er die Nachtmaschine nach Minsk verpasst.
Kommt Benko frei, erwartet ihn trotzdem ein anderes Leben als die meisten seiner Mithäftlinge. Die dürften auf der freien Wildbahn, sofern sie dem Verbrechen entsagen wollen, wieder zu Arbeit-Gebern werden müssen.
Eine weitere Streichung im Programm von SRF 2 Kultur wirft die Frage auf: Begeht die SRG eigentlich Suizid?
Eine Hörerin brachte es an den Tag: Die wöchentliche Mittwoch-Abend-Sendung «Musik unserer Zeit» auf SRF 2 Kultur, die sich der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts widmet, fällt dem Rotstift zum Opfer. Die Pianistin Simone Keller schrieb in ihrem klugen Facebook-Post vom 8. November unter anderem:
«(…) ‹Musik unserer Zeit› war mehr als eine Radiosendung. Es war ein Resonanzraum für künstlerisches Denken, ein Ort, an dem sich Klang und Reflexion begegneten, an dem Diskurse geführt wurden, die über die Musik hinauswiesen (…) Wenn Kulturangebote zunehmend nach ihrer Quote bewertet werden und danach, wie viele Menschen sie in einem bestimmten Moment erreichen, verschiebt sich der Massstab von Qualität zu Quantität. Doch künstlerische Relevanz lässt sich nicht in Zahlen messen. (…) Wenn Medien beginnen, nur noch das zu fördern, was sofort verstanden, konsumiert oder «geklickt» wird, verlieren wir diese Erfahrungsräume der Differenz.»
Der Kulturauftrag
SRF hat die Streichungsabsicht unterdessen eingeräumt und vor allem mit dem Rückgang der Hörerzahlen begründet. In seinem lesenswerten Kommentar «Quotendruck statt Kulturauftrag» (NZZ vom 17.11.25) weist der Musikkritiker Christian Wildhagen darauf hin, dass SRF das Ausmass der Publikums-Einbussen dieser Sendung und die möglichen Gründe dafür – vielleicht zum Beispiel die UKW-Abschaltung? – im Dunkeln lasse. Das unglaubwürdige Versprechen der Verantwortlichen, anspruchsvolle Gegenwartsmusik künftig vermehrt im übrigen Programm zu platzieren, kommentiert Wildhagen mit ironischem Unterton: «Im Hinblick auf die zunehmend rückwärtsgewandte Werkauswahl bei den meisten Klassik-Sendern wäre das (…) geradezu eine Programmrevolution.»
War das klug?
Vor siebeneinhalb Jahren wurde die No-Billag-Initiative mit 71,6 Prozent in einer Volksabstimmung abgelehnt. Die Kulturschaffenden und die Kulturlobby hatten an diesem Erfolg wesentlichen Anteil. Ihr Enthusiasmus ist seither abgeflaut. Im Oktober dieses Jahres ergab eine Umfrage, dass eine Mehrheit von Stimmberechtigten zur SVP-Halbierungsinitiative «200 Franken sind genug», die im März vors Volk kommt, «ja» sagt oder «eher ja». Sicher, die Situation der öffentlich-rechtlichen Medien hat sich in vielen westlichen Demokratien verschlechtert. Aber ein paar Fragen zu möglichen hausgemachten Ursachen sind dennoch dringlich. War es klug, kurz vor der Abstimmung
den Wissenschaftsinteressierten das Wissenschaftsmagazin wegzunehmen?
Im Kulturradio die Hintergrundsendungen «Kontext», «Trend», «Passage» ebenso wie das Montags-Hörspiel zu streichen?
den UKW-Empfang abzustellen?
den zeitversetzten Fernsehempfang nur noch gegen Gebühren werbefrei zu belassen?
Ja, die SRG muss sparen. Die kommerziellen Einnahmen sind rückläufig, der Teuerungsausgleich auf die Medienabgabe ist reduziert worden, die Kosten steigen, Bundesrat Rösti setzt seine Gebührenreduktion mit einer undemokratischen Verordnung durch.
Ja. Aber. In ihrer Mitteilung vom 6. 2. 25 schreibt die Medienstelle von SRF:
«Im Radio nimmt SRF in den kommenden Monaten ebenfalls verschiedene Veränderungen im Angebot vor. Insbesondere werden längere Wortinhalte durch kürzere Beiträge ersetzt. Dies entspricht vermehrt den Nutzungsgewohnheiten des Radiopublikums und stärkt die Sender in ihrem Programmablauf.» In der Umsetzung des Sparimperativs stecken kultur-, geist- und aufklärungsfeindliche Strategien.
Was verteidigen wir?
Ehemalige und jetzige SRG-Kadermitglieder sowie manche Politiker und Journalistinnen denken, dass jede öffentliche Kritik an der SRG bis zur Abstimmung über die Halbierungsinitiative schädlich sei. Die Kundgebungen, die es Anfang Jahr in Basel vor dem Radiostudio gegen die Streichung des Wissenschaftsmagazins gab, halten sie für verfehlt. Man hätte in Bern gegen Rösti demonstrieren sollen, sagen sie. Viele unterstützen auch den Schmusekurs der SRG mit Privaten. In ihrer Übereinkunft mit dem Verlegerverband hat die SRG den Privaten weitgehende Konzessionen gemacht. Viele Freunde der SRG vertreten einen nationalen Schulterschluss: Öffentliche und private Medien in der Schweiz müssten zusammenhalten, so heisst es, sonst würden sie von ausländischen Giganten, insbesondere von den Tech-Plattformen und Streaming-Diensten, geschluckt oder diese nähmen ihnen wenigstens die Werbung weg. Die Initiative «Pro Medienvielfalt» hat als Hauptparole ausgegeben: «Für unabhängige Medien». Nun beanspruchen selbstredend auch die NZZ oder der Tagesanzeiger für sich, unabhängig zu sein. Vergeblich sucht man im Argumentarium von «Pro Medienvielfalt» ein Plädoyer für ein anspruchsvolles Kulturprogramm oder eine Referenz auf die Aufklärung. Langsam aber sicher verschwimmt und verschwindet, worum es eigentlich geht.
Keine Privatisierung der Öffentlichkeit!
Es geht um die Rettung der öffentlichen oder öffentlich-rechtlichen Medien gegen die Privatisierung der Öffentlichkeit, wie sie von rechts angestrebt wird. Kritik an der SRG oder an einzelnen ihrer Produkte lässt sich nicht verbieten, denn sie ist die Folge realer Erfahrungen. Und Verzicht auf sie macht die Gegner der Halbierungsinitiative zumindest im kulturaffinen Milieu weder glaubwürdiger noch beliebter. Man könnte sogar sagen, sie gehöre ganz wesentlich zum öffentlichen Raum, den wir doch verteidigen wollen, und sie hat bei öffentlichen Medienunternehmen mindestens eine Chance auf Wirkung, während ein Privatunternehmer sich naturgemäss von Kritik nicht beeindrucken lassen muss.
Bei den Öffentlich-Rechtlichen und bei der Abstimmung über die Halbierungsinitiative geht es um etwas sehr Grosses, das jenseits der Unzulänglichkeiten der SRG liegt. Was die BBC für die Welt, ist die SRG für die Schweiz. Oder sie sollten es jedenfalls sein: Ein von den hochkonzentrierten, vermachteten, geradezu diktatorischen Märkten so weit wie möglich unabhängiger Service an der Demokratie. Die SRG muss kritisiert und die Halbierungsinitiative muss abgelehnt werden!
Erschienen bei Infosperber.ch am 13. November 2025
Silvia Henke
Wort des Tages – Feindseligkeit
«Feindseligkeit» ist ein biblischer Begriff, der bis heute nie wirklich zu passen scheint. Was unterscheidet ihn von Feindschaft?
Ohne weitere Voraussetzungen zu kennen, muss man eigentlich über das Wort stolpern. Man denkt vielleicht an «glückselig». Oder an «Redseligkeit» und «Leutseligkeit», die man sofort richtig versteht: Jemand fühlt sich wohl beim Sprechen, einer anderen geht unter den Leuten das Herz auf. Auch wenn das Suffix «selig» etymologisch nichts mit der Seele zu tun hat, steckt etwas in diesem Wort, das einen sanft stimmt.
Was also hat es mit der Feindseligkeit auf sich? Die Seligkeit, Feinde zu haben? Wie unterscheidet sich dies von Feindschaft, Feindlichkeit, Aggression, Wut oder «Zerstörungslust»?
Kurzer Blick zurück
Anders als Feindlichkeit erscheint die Feindseligkeit im «Grimmschen Wörterbuch» der deutschen Sprache vor allem in weiblicher Gestalt. So unterscheidet der Artikel an erster Stelle nach dem Alten Testament im 5. Buch Moses in Bezug auf die Vielweiberei «dilecta et odiosa», das geliebte und das feindselige (d.h. das ungeliebte) Weib.
Die Unterscheidung dient der Erklärung, dass bei der Erbfolge das Recht des Erstgeborenen gilt – auch wenn es das Kind der «Feindseligen» sei. Das mag kurios erscheinen, setzt es Feindseligkeit doch in den Bereich des Handhabbaren. Zwar ist nicht klar, auf welcher Seite der quasi ehelichen Beziehung die Feindseligkeit hier genau angesiedelt ist, beim Mann oder beim Weib, aber sie ist integriert in ein Macht- und Beziehungsgeflecht, in welchem es geboten ist, Respekt und Regeln einzuhalten. Und sie besagt, dass man in Feindseligkeit zusammenleben kann, ohne sich zu bekriegen.
So steckt in diesem biblischen Kern der Feindseligkeit tatsächlich eine gewisse Milde. Und auch eine bestimmte Kreativität, die etwa Friedrich Nietzsche leitete, der viel über Hass, Bosheit, Ressentiment und Feindschaft als menschliche Verfasstheit nachgedacht hat – wenn er im Kapitel «Vom Biss der Natter» des «Zarathustra» schrieb: «So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem: denn das würde beschämen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes angetan hat».
Allein die Möglichkeit mit Feinden paradox umzugehen, statt sie einfach anzugreifen, ist eine zivilisatorische Leistung, die es für Friedensprozesse zu berücksichtigen gäbe und die zu einem tieferen Verständnis der Feindseligkeit passt, die vielleicht einfach zum Menschsein gehört, insofern der Mensch als das «nicht festgestellte Tier» (Nietzsche) seine Vernunft beständig in Spannung sieht zu seinen Instinkten.
Insofern wäre Feindseligkeit (genau wie die französische und englische Entsprechung der hostilité und hostility) der Ausdruck einer Spannung, die entsteht, wenn man Feinde als Teil des Selbst sieht. Ich bin «hostile» oder «feindselig» impliziert nichts weiter, als dass der Feind in mir wohnt. Insofern ist die Feindseligkeit kein fait accompli wie die Feindschaft, die den Feind zur Sache macht, sondern eine Relation, die zu jenem gehört, der sie «hat» und der insofern auch selber dafür verantwortlich ist.
Euphemismen der Gegenwart
Vor dem Hintergrund dieser durchaus psychologischen Dynamik des Begriffs wird fragwürdig, wie er seit längerem im Kontext von Kriegsgeschehen verwendet wird. Nach dem Angriff der Hamas forderte Olaf Scholz etwa in einer wegweisenden Bundestagsrede im Oktober 2023, dass alle Akteure im Konflikt von weiteren «feindseligen Akten» absehen sollen. Was für ein Euphemismus für den blutigen Mord- und Totschlag hier und die Bombardements dort.
Es war die gleiche diplomatische Verbrämung der eigentlichen Verantwortung, wie sie auch in den neutralisierenden Uno-Resolutionen vorkommt, wo sich oft die Forderung «zur Einstellung von Feindseligkeiten auf allen Seiten» findet.
Lange verschleierte der Begriff gerade in Deutschland die völlige Asymmetrie der Gewaltverhältnisse und der Opferzahlen im Nahen Osten. Auch China bedient sich immer wieder des Begriffs. China fordert im Krieg Russlands gegen die Ukraine wiederholt, wenn uns das richtig übersetzt wird, ein «Ende der Feindseligkeit» – in einem Krieg, so einmal der chinesische Aussenminister, der «von unsichtbarer Hand» geführt werde.
Damit beschrieb er eigentlich präzise, wie camouflierend der Begriff der Feindseligkeit eingesetzt wird. Erstens suggeriert er, dass es nicht um kriegerische Akte sondern um diffuse mentale Haltungen gehe. Zweitens verbreitet er den Irrtum, dass man das, was man hat – nämlich Feindseligkeit – einstellen könne.
So hat der Plural «Feindseligkeiten» das alte Wort entwendet, um kriegerische Akte zu mildern. Ein terroristischer Angriff ist keine Feindseligkeit, ebenso wenig wie ein Vernichtungskrieg. Das Militär und die Regierung sind nicht von Feindseligkeit geleitet, sondern von Taktik, Herrsch- und Rachsucht, Zerstörungswut und Kalkül.
Einzelne Soldaten mögen oder müssen sogar feindselig sein, sie aber sind ja selten gemeint mit all den Friedensappellen. Sonst müsste man sie auffordern, alle in toto zu desertieren. Ihre Feindseligkeit könnten sie ja im Gepäck mitnehmen und mit ihr zur «Friedfertigkeit» schreiten. Auch so ein altes Wort, das einer Aktivierung harrt in den Kompetenzrastern der Gegenwart.
Zerstörungslust? Hass?
Um dem auf den Grund zu gehen, was aktuell Menschen feindselig macht, forscht derzeit sowohl die Psychologie wie die Soziologie. Allein in diesem Jahr finden sich neben einer grösseren psychologischen Untersuchung «Warum wir uns hassen: Die Anatomie der biologischen Feindseligkeit und des menschlichen Hasses» das viel beachtete Buch der Soziologen Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey: «Zerstörungslust: Warum wollen soviele Menschen die Welt brennen sehen?»
Sie haben nicht die «Feindseligkeit» als Begriff gewählt, sondern die «Zerstörungslust». Der Begriff ist reisserisch, das ist wohl Absicht. Denn das, was die beiden untersuchen und auch finden in den vielen von ihnen geführten Interviews und den kontextuellen Analysen, sind Ressentiments, Feindseligkeit und zuweilen auch Hass. Die These der Zerstörungslust akzentuiert also eine Radikalisierung, wie sie sich am deutlichsten bei den Stürmen auf demokratische Regierungsgebäude in den USA oder Brasilien gezeigt hat.
Ob Männer (die hauptsächlich «Zerstörungslustigen») die sich in ihrem Wohlstands- und Aufstiegswunsch betrogen sehen und die deshalb AfD wählen, sich vom Buchtitel «Zerstörungslust» angesprochen fühlen? Wie lebte es sich schon angenehm mit Zerstörungslust oder mit einem Zerstörungslustigen? Insofern markiert der Begriff der beiden Soziologen eine Verschiebung auf der Ebene der Affekte: Mit Feindseligkeit könnte man leben, Zerstörungslust aber will Zerstörung in die Tat umsetzen. Sie ist also gefährlich und als «demokratischer Faschismus» weit entfernt von – Friedfertigkeit.
Friedfertigkeit
Wünschen wir uns also aufs Jahresende etwas ebenso Altes wie Unterschätztes zurück: die Friedfertigkeit. Warum nicht eine soziologische Untersuchung zur «Friedfertigkeit»? Zur Fähigkeit und Bereitschaft, Frieden zu stiften, zu suchen, zu leben? Sie gehörte zuoberst auf der Liste der Kompetenzen und Fertigkeiten im Bildungswesen, ist sie doch verbunden mit Hoffnung.
Zohran Mamdanis Antrittsrede war vielleicht ein kleiner Akut in dieser Sache. Er schaffte es, New Yorks Einwohnerschaft rundum zu danken, ohne irgendjemanden als Feind zu adressieren. Man braucht jetzt eine Zeit, um zu ermessen, was diese Bereitschaft des neuen Bürgermeisters zu Aufbruch, Licht und eben auch Friedfertigkeit in den feindseligeren Gefilden New Yorks bewirken kann.